"Es war wie im Märchen"
Ein Interview mit Simon Gietl über seine Expedition und die Erstbegehung eines Big Wall in Grönland. Und warum ihm das Erlebte wie ein Traum vorkommt.
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Expedition in Grönland zurückdenkst?Simon Gietl: Da schießt mir ganz spontan das Wort "unglaublich" durch den Kopf. Wie denn das? Vor der Expedition gab es enorm viele Fragezeichen. Wir wussten nur sehr wenig über Grönland und speziell über den Berg, den wir besteigen wollten. Auch unser Fotograf und Expeditionsleiter Thomas Ulrich hatte nur das Foto von der Big Wall geschossen, konnte uns sonst aber auch nur wenige Informationen geben. Als wir dann in Grönland waren, hat sich alles sehr positiv ergeben, der Zustieg, das Basislager, die Lichtverhältnisse, der Fels - alles hat gestimmt. Und deshalb ist es für mich unglaublich, was wir erlebt haben.
Was genau habt ihr in Grönland gemacht?
Wir - Roger Schäli, Daniel Kopp und ich - haben eine 1.325 Meter hohe Wand eines Granitturms durchstiegen, die vor uns noch niemand begangen hatte. Der Berg selbst wurde Ende der 90er-Jahre von einem schwedischen Team über die Südostroute bestiegen und heißt Grundtvigskirken.
Auch eure Route hat einen ganz besonderen Namen erhalten?
Die Wahl fiel auf "Eventyr", das ist das dänische und norwegische Wort für Märchen und Abenteuer. Und in der Tat, mir ist es immer vorgekommen, als würden wir uns in einer Märchenlandschaft befinden. Auf einen Berg zu klettern, der von Meer und Eisbergen umgeben ist, dazu noch die speziellen Lichtverhältnisse, weil es nie dunkel wurde - das war für mich eine besondere Situation. Weit und breit waren keine anderen Menschen, nur wir vom SALEWA-alpineXtrem-Team. Dazu eben diese Märchenlandschaft, ich bin mir wirklich vorgekommen wie in einem Traum.
Zurück zur Realität: welche Schwierigkeiten musstet ihr auf eurer Expedition meistern?
Alleine das Erreichen der Insel auf dem sich der Berg befindet war ein riesiges Abenteuer. Wir sind auf dem Meer gefahren und mussten höllisch aufpassen, dass wir uns an den treibenden Eisschollen und Eisbergen nicht das Schlauchboot aufschlitzen. Einmal sind wir durch zwei Eisberge durchgefahren - bis er sich plötzlich um 180 Grad drehte und wir merkten, dass es sich um einen einzigen, riesigen Eisberg handelt.
Und in der Wand?
Schon von unten haben wir gesehen, dass Steinschlag die wohl größte Gefahr sein würde. In einer Rinne lagen sehr viele Steine und Platten, die sich aufgrund der milden Temperaturen immer mehr vom Eis lösten. Eine Platte, die plötzlich losgegangen ist, hat Daniel am Fuß erwischt. Zum Glück ist ihm aber nichts passiert.
Wie war der Fels zum Klettern?
Wir sind auf Granit/Gneis geklettert und er war richtig angenehm. Wir hatten einen guten Grip. Von daher gibt es wirklich nichts auszusetzen. Auch der Zustieg vom Basislager zum Felsen hat nicht zu lange gedauert, in der Nähe des Basislagers konnten wir Wasser holen. Es hat sich wirklich alles wunderbar ergeben.
Was hast du gefühlt, als du auf dem Gipfel standst?
Ich war zunächst einmal sprachlos. Wir drei standen auf diesem kleinen Felszipfel, umgeben von den anderen Bergen und unter uns nur das riesige weite Meer. Es war ein besonderer Moment und ich kann mich nur wiederholen, ich bin mir vorgekommen wie in einem Märchen. Diese einzigartige Stimmung da oben haben wir drei - jeder für sich - ausgekostet und genossen.
Nach der Besteigung der Big Wall hattest du von Grönland aber noch lange nicht genug?
Ja, das stimmt. Roger Schäli und ich haben auf der Bäreninsel eine 850 Meter hohe Wand im oberen siebten Schwierigkeitsgrad mit 30 Seillängen bestiegen.
Gab es dabei auch ein paar knifflige Momente?
Ja, das kann man durchaus sagen (lacht). Wir mussten in der Wand biwakieren, obwohl wir das eigentlich nicht vorhatten. Es war etwas frisch und wir hatten schon alle unsere Kleidungsstücke beim Klettern angezogen. Deshalb haben wir einen Rucksack geleert, sind mit den Beinen hineingestiegen und haben uns so ein Nest gebaut. Und auch unsere Nahrungsmittel waren relativ knapp. Wir mussten mit einem Schokoriegel und einer halben Tafel Schokolade auskommen.
Solche Erlebnisse schweißen natürlich sehr zusammen. Du und Roger Schäli, ihr versteht euch ziemlich gut?
Ja, das stimmt. Wir haben schon 2009 in Patagonien zusammen ein Projekt durchgeführt und haben vier Gipfel in sechs Wochen gemacht. In einem Interview hat Roger einmal gesagt, dass ich für ihn wie ein Bruder sei. Dieses Statement von ihm sagt viel aus und ich sehe es genauso.
Gibt es schon Pläne für die Zukunft?
Ja, klar gibt es die. Ich möchte aber nicht zu viel verraten. Nur so viel: 2011 geht es mit Roger für ein größeres Projekt nach Indien.
Zur Person:
Simon Gietl (geboren am 5. November 1984) aus St. Johann im Ahrntal ist Mitglied des internationalen SALEWA-alpineXtrem-Teams und einer der vielversprechendsten Alpinisten Südtirols. Mit seinem Bruder Manuel machte er vor allem in den Dolomiten mit einigen interessanten Projekten auf sich aufmerksam, zum Beispiel mit der Wiederholung von "Mutschlechner" am Heilig-Kreuzkofel. Für ihre Erfolge in den heimischen Bergen wurde das Duo Anfang Juli von Bergsteiger-Legende Reinhold Messner mit einem Geldpreis für eine gemeinsame Expedition ausgezeichnet. Auch außerhalb Südtirols machte Gietl schon des Öfteren von sich reden, unter anderem mit vier Gipfelsiegen in sechs Wochen in Patagonien gemeinsam mit dem Schweizer Roger Schäli, mit dem er 2011 in Indien mit einem gemeinsamen Projekt für Furore sorgen will.
Interview: Hannes Kröss/Salewa




