Jörg Blech

Sport kann heilen

Viele Krankheiten können durch regelmäßige Bewegung vermieden oder gar geheilt werden, davon ist der SPIEGEL-Redakteur und Bestseller-Autor Jörg Blech überzeugt.

Frage: In Ihrem Buch "Heilen mit Bewegung" vertreten Sie die Ansicht, dass Bewegung das beste Mittel ist, um möglichst lange gesund zu bleiben. Warum?
Blech
: Anders als bisher angenommen, taugt körperliche Aktivität keineswegs nur zur Vorbeugung. Ärzte haben nämlich damit begonnen, den Einfluss von körperlicher Bewegung in Studien zu messen und ihren Nutzen wissenschaftlich zu bewerten. Das häufige Ergebnis: Moderates Training ist als eigenständiges Heilmittel anzusehen, das man wie ein Medikament dosieren kann. Denn körperliche Bewegung bewirkt in Zellen und Geweben physiologische Prozesse, die pharmakologischen Effekten entsprechen. Sanfter Sport kann deshalb Krankheitsverläufe regelrecht umkehren und im Gehirn neue Nervenzellen wachsen lassen. Viele Ärzte verordnen Kranken immer noch Bettruhe, doch es gibt da einen Paradigmenwechsel von Schonung zu Aktivität, und er betrifft gerade die großen Volkskrankheiten: Osteoporose, Depression, rheumatischer Gelenkverschleiß, chronische Rückenschmerzen oder etwa Diabetes Typ 2.

Sie werfen immer wieder einen kritischen Blick auf die Schulmedizin. Wo liegen die Tücken des Krankensystems?
Das System ist dabei, sich zu Tode zu kurieren. In meinem Buch "Die Krankheitserfinder" beschreibe ich, wie Mitarbeiter pharmazeutischer Firmen normale Wechselfälle des Lebens in etwas Krankhaftes umdeuten. Auf diese Weise werden gesunde Menschen in Patienten und damit Pillenkonsumenten verwandelt. Das Echo gerade von Ärzten auf "Die Krankheitserfinder" ist groß, weil viele von ihnen die Abschaffung der Gesundheit nicht mehr mitmachen wollen.

Was sollte Ihrer Meinung nach jeder von uns tun, um möglichst lange gesund zu bleiben?
Eine Garantie für den Einzelnen gibt es nicht, jedoch ist es völlig unstrittig, dass sich die Aussicht auf viele gesunde Jahrzehnte durch ein aktives Leben systematisch erhöhen lässt. Viele epidemiologische Studien verweisen auf immer einen Faktor: Tägliche körperliche Aktivität ist verbunden mit einem verringerten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Gedächtnisschwund, Depression, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit - und sie verlängert das Leben.

Welche Art von Bewegung wirkt am besten?
Die Heilkraft der Bewegung bezieht sich nicht nur auf Sport, bei dem es um Höchstleistungen, um Gewinnen und Verlieren geht. Vielmehr gilt sie für jede Bewegung, die wir durch die Arbeit unserer Muskeln hervorbringen. Dazu zählen Wandern und Aktivitäten des Alltags wie Treppensteigen, Gehen und Radfahren. Gerade diese Art von Gesundheitssport hält jung und verlängert das Leben. Wer jeden Tag 1,6 Kilometer weniger zu Fuß geht als der fidele Nachbar, der wird, statistisch gesehen, sieben Jahre früher sterben.

Welches Rezept würden Sie verschreiben, um möglichst jung zu bleiben bzw. sich möglichst lange fit zu fühlen?
Gerade in den mittleren Jahren, so zwischen 40 und 50, sollte man darauf achten, nicht in einen passiven Lebensstil zu verfallen. Denn gerade in diesem Alter stellen wir die Weichen, wie es uns im Alter ergehen wird. Idealerweise bewegt man sich an mindestens fünf Tagen der Woche mindestens 30 Minuten. Wer allerdings Zigaretten raucht, macht den heilsamen Effekt der Bewegung zunichte.

Die Bewegung als natürliche Heilquelle scheint aber bei vielen in Vergessenheit geraten zu sein. Welches sind die Gründe dafür?
Tablettenkuren und chirurgische Eingriffe gaukeln vielen Menschen vor, die moderne Medizin könne beheben, was jahrzehntelange körperliche Inaktivität angerichtet hat. Wir brauchen nur an das Herumtherapieren an Menschen mit Diabetes Typ 2 zu denken, um zu erkennen, wie falsch das ist. Dabei besteht kein Zweifel: Könnte man die guten Effekte der Bewegung als Trunk verabreichen, dann würde sich jeder von uns jeden Morgen einen Becher davon genehmigen.

Sie sind Autor und Spiegel-Redakteur. Ihr Berufsalltag schaut sicherlich hektisch aus. Schaffen Sie es dennoch, Bewegung in Ihr Leben einzubauen?
Es fängt damit an, dass ich die Kinder morgens einen Kilometer zu Fuß zur Schule bringe, dass wir - wenn nicht gerade Fußballweltmeisterschaften sind - keinen Fernseher haben, damit wir nicht zu viel vor der Mattscheibe sitzen, und dass ich Aufzüge meide. In der hellen Jahreszeit fahre ich knapp 20 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit. Das dauert etwas länger als mit der Bahn, aber ich kriege so mein Bewegungspensum zusammen.

Interview: Renate Mayr, Stiftung Vital